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Lebhafte Diskussionen zwischen Eltern und Schulamtsleiter


Volles Haus in den Räumen der Arbeitsgemeinschaft Inklusion, Gemeinsam leben – gemeinsam lernen Heidenheim e.V.! Auf Einladung der Aufklärungs- und Beratungsstelle zur Förderung von Inklusion im Landkreis Heidenheim hatten sich am 14. November 2016 rund 40 interessierte Zuhörer eingefunden, um direkt von Jörg Hofrichter, Leiter des Staatlichen Schulamtes Göppingen, und Matthias Bäuerle, Schulrat, Informationen über Verfahrenswege und Vorgehensweisen zu erfahren, die für eine inklusive Beschulung notwendig sind.

Das Interesse war sehr groß. Unter den Zuhörern waren zahlreiche Eltern, aber auch Lehrer, Schulsozialarbeiter, Schulbegleiter, Therapeuten, Politiker und Fachleute aus der Verwaltung.

Dr. Alexandra Palzer, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Inklusion, hatte schon in ihrer Begrüßung auf kritische Punkte und unbedingt zu verbessernde Maßnahmen hingewiesen.

Es sei kein Geheimnis, dass weder das neue Schulgesetz in Baden-Württemberg, noch die Bildungspolitik der neuen Regierung die Erwartungen an Inklusion im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) erfülle. Zitiert wurde Dr. Valentin Aichele, Leiter der Monitoring-Stelle zur Umsetzung der UN-BRK: »Bestenfalls könne man das neue Schulgesetz einen sehr verhaltenen Schritt nennen.«

Kritisch hinterfragt werden sollte, so Palzer, die Erstellung von Diagnosen für einen sonderpädagogischen Bildungsanspruch durch die Sonderpädagogischen Bildungszentren (SBBZ = früher Sonderschulen). »Wir stellen mit Bedauern fest, dass die Diagnostik weiterhin fest in der Hand derer ist, die die Kinder auch später zu sich holen können«, Zitat Aichele.

Jörg Hofrichter ging auf die Einwände ein, stellte allerdings klar: »Wir sind Verwaltungsfachleute und keine Politiker. Wir geben keine politischen Statements und machen keine Gesetze! Wir müssen und können uns nur an die verwaltungsrechtlichen Vorgaben halten.« Sein Resümee: »Wir haben alle das gleiche Ziel! Nur die Wege verlaufen anders.«

Matthias Bäuerle stellte bei seinen Ausführungen zum Thema Inklusive Beschulung das Kind in den Mittelpunkt der Überlegungen. Sobald es Hinweise auf eine besondere Problematik gebe, stelle sich die Frage: »Welche Schule ist für ein besonderes Kind passend? Was braucht das Kind? Braucht das Kind Hilfe und Unterstützung? Genügt sonderpädagogische Beratung oder Unterstützung oder benötigt das Kind ein sonderpädagogisches Bildungsangebot um erfolgreich lernen zu können?«. Und das sonderpädagogische Bildungsangebot sage noch nichts darüber aus, auf welche Schule das Kind komme. Auch auf dem Schulamt wisse man, dass dies für die Eltern ein langwieriger, oft schwieriger und bürokratischer Weg sei. Und Hofrichter ergänzte, auch aus diesem Grund habe das Schulamt die Einladung der Beratungsstelle für Inklusion so gerne angenommen. Hofrichter und Bäuerle wollen den Fachleuten auf dem Schulamt Namen und Gesicht geben. Eltern sollen ermutigt werden, Kontakt aufzunehmen.

Im Übrigen sei die Beratungsstelle der Arbeitsgemeinschaft Inklusion hier ein wichtiger und kompetenter Ansprechpartner.

Hofrichter und Bäuerle, beide von Haus aus Sonderpädagogen und mit vielfältigen praktischen Erfahrungen ausgestattet, skizzierten die aktuelle Situation in der inklusiven Beschulung in Baden-Württemberg und im Besonderen im Schulamtsbezirk Göppingen. Aktuell gebe es im Landkreis Heidenheim 14 Neuanmeldungen für eine inklusive Beschulung und 58 Verlängerungen. Somit besuchen 72 Kinder mit Unterstützungsbedarf allgemeine Schulen. Auffallend sei, so Hofrichter, dass es im Schulamtsbezirk Göppingen mit 49 Neumeldungen und 240 Verlängerungen, insgesamt 289 Kinder in allgemeinen Schulen gäbe, also eine sehr viel höhere Anzahl an inklusiven Beschulungen. Der Schulamtsbezirk Göppingen sei in dieser Hinsicht sehr aktiv.

Definitiv stehe fest: »Inklusion ist Aufgabe aller Schulen!«

Hofrichter ging auch auf kritische Rückfragen empathisch und engagiert ein und es gelang ihm, die heterogene Zuhörerschaft zu einem lebendigen und diskussionsfreudigen Diskurs zu ermutigen. In sachlicher, aber engagierter Atmosphäre schilderten Eltern, aber auch Lehrer und Schulbegleiter, ihre persönliche Situation und die auftretenden Probleme und Schwierigkeiten aus ihrer Sicht.

Einig waren sich alle, die größten Probleme lägen darin, dass zu wenige Ressourcen und zu wenige Lehrer vorhanden sind. Nach den vielen engagierten und teils sehr offenen Redebeiträgen war klar: Lehrer fühlen sich oft allein gelassen, Eltern fühlen sich manchmal hilflos und fürchten den bürokratischen Aufwand und Schulbegleiter fordern Qualifizierungsangebote und eine anständige Bezahlung.

Hofrichter machte klar: »Es fehlt hinten und vorne an Sonderpädagogen. Der Markt ist leergefischt.«

Unbedingt erforderlich sei es auch, Qualitätsstandards für Schulbegleiter zu erarbeiten. Hier sind, so waren sich alle einig, im Besonderen auch die Kommunen und der Landkreis gefragt.

Nach vielen Diskussionen und individuellen Einschätzungen aber waren sich Referenten und Zuhörer einig: »Es tut sich was in Sachen Inklusion. Auch in den Behörden!«. Auch wenn die meisten Anwesenden sich eine schnellere und umfassendere Umsetzung wünschen würden.

Dass das Thema inklusive Beschulung sehr aktuell und sehr kontrovers diskutiert wird, veranschaulichte die Tatsache, dass sich im Anschluss an die Veranstaltung kaum ein Zuhörer auf den Heimweg machte. Es fand noch ein reger Austausch statt und es wurde noch lange diskutiert und miteinander gesprochen. Besonders ermutigend war die Tatsache, dass sich alle Anwesenden darin einig waren, dass das vielfältige und herausfordernde Thema nur von allen gemeinsam auf einen guten Weg gebracht werden kann.

Positiv erwähnt wurde mehrmals und von beiden Seiten die gute und konstruktiv-kooperative Zusammenarbeit zwischen Schulamt und der Aufklärungs- und Beratungsstelle der Arbeitsgemeinschaft Inklusion Gemeinsam leben – gemeinsam lernen Heidenheim e.V.

Birgit Blankenhorn, Leiterin der Aufklärungs- und Beratungsstelle merkte abschließend an: »Es kann nicht sein, dass die Umsetzung der Inklusion an mangelnden Ressourcen scheitert. Wir wollen ein qualitativ hochwertiges Bildungssystem – für alle Kinder!«

Heidrun Bäuerle

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